"Give History A Chance"

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Text: Andreas Valentin
Fotografie: Christian Werner

 

Berlin an einem Wintertag zu Beginn eines neuen Jahrzehnts. Ich laufe durch die Stadt, über den Hausvogteiplatz, die Oberwallstraße entlang. Das schmiedeeiserne Tor der Hausnummer 6 zieren die ineinander verschlungenen Initialen V und M. Sie stehen für Valentin Manheimer, meinen Ururgroßvater.

Als ich das letzte Mal hier war, im Oktober 2018, habe ich in der ehrwürdigen Eingangshalle dieses Hauses, in dem mein Vorfahr 1839 sein Modeunternehmen gründete, eine Rede gehalten. Das Justizministerium hatte mich zur Eröffnungsfeier einer Ausstellung eingeladen, „Brennender Stoff: Deutsche Mode jüdischer Konfektionäre vom Hausvogteiplatz”. Es ging dabei um die gewalttätige Zerschlagung und Vernichtung jüdischer Modeunternehmen im Dritten Reich. Ich weiß noch, wie ich hier stand und mich ein merkwürdiges Gefühl beschlich. Als Ururenkel eines der Menschen, die einst die Berliner Modeindustrie begründeten und maßgeblich prägten, an diesem Ort, in diesem Moment fühlte ich mich, als hätte ich ein Stück Familiengeschichte wieder zum Leben erweckt.

 

 

Heute beherbergt das Haus einen Co-Working-Space, in dem Start-ups an ihren Businessideen feilen. Vor 180 Jahren hatte auch mein visionärer Ururgroßvater eine ziemlich gute Businessidee. 1837, da war er gerade 21 Jahre alt, nutzten sein Bruder David und er den Gewinn aus einem Lotterielos als Startkapital für die Produktion von Männermänteln. Zwei Jahre später machte er allein weiter und legte mit der Idee, Kleidungsstücke in vordefinierten Standardgrößen in Serie zu produzieren, den Grundstein der Konfektion. Im Lauf der Zeit baute er ein Netzwerk von Schneidereien und Heimnäherinnen auf, von dem auch andere Modeunternehmen profitierten, die meisten davon ebenfalls jüdisch. Ab den 1880er Jahren war er weltweit tätig und beschäftigte rund 8000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Am Ende der auch wirtschaftlich glanzvollen zwanziger Jahre stand die Weltwirtschaftskrise, die auch das Ende des Unternehmens Manheimer bedeutete, 1931 wurde es abgewickelt.

In den Folgejahren wurden die jüdischen Modeunternehmen verfolgt, ihrer Geschäftsfähigkeit beraubt, enteignet und ausgelöscht. Mein 1885 geborener Großvater Bruno war nicht interessiert am Modegeschäft, er wurde Arzt und Professor. Als er 1938 mit seiner ebenfalls jüdischen Frau Martha aus Deutschland fliehen musste, gingen sie nach Rio de Janeiro, wohin mein Vater schon ein Jahr zuvor emigriert war. Brasilien war ihnen wohlgesonnen, aber schon 1951 reisten sie erstmals wieder nach Deutschland, und 1967 beschlossen sie, nach Deutschland zurückzukehren, wo sie ihren Lebensabend glücklich in Hannover verbrachten. Wir haben nie über ihre ungewöhnliche Entscheidung gesprochen, aber sie war Teil unserer Verbindung zu Deutschland. Anders als bei anderen Familien, die vor den Nazis geflohen waren, wurde bei uns Deutsch gesprochen, und wir pflegten deutsche Traditionen.

Vielleicht hatte ich auch deshalb bei meinem ersten Besuch in Berlin 2010 gleich das Gefühl, heimisch zu sein. Da hatte ich gerade erst angefangen, mich genauer mit der Geschichte von Valentin Manheimer zu befassen. 2014 zog ich mit meiner Frau für ein Jahr hierher. Ich hatte ein paar Fotos dabei, die mein Vater 1975 auf einer Berlinreise mit meiner Mutter gemacht hatte, und meine alte Nikon F3. Damit begab ich mich auf die Spuren meines Vaters und fotografierte die Orte, die auch er gesehen und fotografiert hatte. Auf diese Weise erschloss ich mir nicht nur die Topologie und Geschichte der Stadt, ich entwickelte auch eine emotionale Bindung, als sei ich hier geboren worden und hätte mein ganzes Leben (vielleicht ein früheres?) hier verbracht.

Natürlich spürt man in Berlin die Geschichte an jeder Ecke, die große und die schreckliche. Preußens Glanz, Nationalsozialismus, Holocaust, Zweiter Weltkrieg, Mauer und Teilung, man fühlt sich fast wie in einer archäologischen Ausgrabungsstätte, als grabe man sich durch unterschiedliche Schichten, nur nicht von Erde, sondern von Zeit. Ich muss dabei an Walter Benjamins Text Ausgraben und Erinnern denken, darin schreibt er: „Wer sich der eignen verschütteten Vergangenheit zu nähern trachtet, muss sich verhalten wie ein Mann, der gräbt. Vor allem darf er sich nicht scheuen, immer wieder auf einen und denselben Sachverhalt zurückzukommen – ihn auszustreuen, wie man Erde ausstreut, ihn umzuwühlen, wie man Erdreich umwühlt.“

Ich habe eh ein Faible für das Erforschen und Entdecken. In den achtziger Jahren habe ich in Manaus gelebt, inmitten des Amazonas. Die ganze Region war im späten 18. und 19. Jahrhundert Anziehungspunkt für Forscher, Entdecker, Abenteurer. Alexander von Humboldt als Vater der modernen Wissenschaft war dabei ein wichtiger Bezugspunkt. Die portugiesische Regierung verbot ihm damals übrigens, nach Brasilien einzureisen – schön, ihn hier in Berlin wieder zu treffen.

Bezüge zur Geschichte sind mir wichtig, aber sie darf sich nicht in historischem Wissen erschöpfen, sie muss leben. Wenn ich zum Beispiel einen Anzug von Manheimer trage, dann trage ich buchstäblich meine Familiengeschichte. Ich mag die Anzüge, sie fühlen sich gut an, aber viel wichtiger als der schöne Schnitt ist das, was man nicht sehen kann, obwohl es darin verwebt ist, nämlich Geschichte und Tradition. Das ist tatsächlich der Stoff, aus dem auch die Gegenwart gemacht ist, und ich habe das Gefühl, dass gerade die jüngere Generation ein neues Verständnis dafür hat. Meine eigene Haltung zur Geschichte würde ich in Abwandlung eines berühmten Songtitels von John Lennon beschreiben:
„Give History A Chance“.